
Heute, am 8. Juli, wäre Zohar Argov, der "König" der Mizrahi-Musik, 60 Jahre alt geworden.
Das Israel-Festival würdigt ihn mit einer Hommage vor den Toren der Altstadt Jerusalems, mit einem Who-is-Who israelischer Musik, einschließlich Ninet Tayeb, die mit seinem Lied "Yam shel dma'ot" (Meer voller Tränen) beim Gesangwettbewerb "Kochav Nolad" (a star is born) den ersten Platz gewann. Zu seinen Lebzeiten jedoch war er fast eine Persona non grata des israelischen Establishments, dessen Radiostationen sich weigerte, seine Musik zu spielen...
Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Shakespeare, as you like it
Man wird schon als Schauspieler geboren - (...) und wir spielen und heucheln. (...) Sogar in unseren Liedern.
Zohar Argov, adam sahkan
Am 6. November, 1987, nahm sich Zohar Argov das Leben.
Er wurde tot in seiner Gefängniszelle in Rishon LeZion gefunden. Mit 32
Jahren nahm sich dieses Idol des "zweiten Israels” das Leben: Er
erhängte sich mit seinem Bettlaken. Niemand hat israelische Musik so
revolutioniert wie der "Melekh" (König oder "The King"). Er schaffte es,
"Musica Mizrahit" vom Status einer subkulturellen Randbewegung zu einem
integralen Teil israelischer Kultur zu erheben. Gleichzeitig stellte er
damit die Einstellung des ashkenazischen Establishments zu den Mizrahim
in Frage. Heute spielen dieselben Radiostationen, die einst seine
Schallplatten boykottierten,seine Musik mit größter Freude - und sogar das Israel-Festival widmet sich ihm (siehe oben). Diese Musikform spielt heute einen zentralen Teil in der
israelischen Musik. Leider hat Zohar Argov den Umfang dieser Entwicklung
nicht mehr miterlebt.
1950s: Mapai - Einsam, auf dem Weg ins Nichts
Zohar Argov wurde als Zohar Orkabi am 8. July 1955 zu jemenitischen
Immigranten in Shikun mizrakh, einem Armenviertel in Rishon LeTzion,
Israel, geboren. Seine Kindheit wurde von ähnlichen Erfahrungen wie
vielen Mizrahim geprägt: Die zehnköpfige Familie musste sich in einer
Zweizimmerwohnung zurechtfinden, und war auf die finanzielle Hilfe jades
Familienmitglied angewiesen. Zohar tat mit 13 Jahren, was von ihm
erwartet wurde: Er brach die Schule ab und fing an, im Bau zu arbeiten.
Zohar
Argovs erste Zuhörer waren Gäste von Bar-Mitzvahs waren, wo er sang –
und sich den Spitznamen Hasamir erwarb. Das alles sollte sich schnell
ändern.
1970s: Der Anfang der Mizrahi- Revolution
Sie sind keine netten Jungs
Golda Meir, über die israelischen "Black Panthers"
Die Jahre sind vergangen, aber an die Tage werde ich mich erinnern.
Zohar Argov, Kfar Awru Hashanim
Dann, 1971, kamen die Pantherim Haskhorim (Schwarzen Panther).
Es war ein Jahr vor Zohar Argovs Heirat (im Alter von 17 Jahren). Er
arbeitete tagsüber am Bau und sang nachts in Klubs. Während die meisten
Mizrahim in Rishon Letzion –so wie er- still ihr Schicksal akzeptierten,
wurde im Jerusalemer Musrara- Viertel die Grundlagen für die Mizrahi-
Revolution gelegt: So tauchte am 13. Januar 1971 der Name Pantherim
Haskhorim das erste Mal auf (in der Al Hamishmar – Zeitung) "Wir werden
die ‘Black Panthers’ von Israel sein." Schnell weitete sich die
Bewegung aus.
Auch kulturell trat eine neue, dismal authentische Stimme der Mizrahim an die Oberfläche: Es war die Stimme von Zohar Argov.
Nach einem kurzem Gefängnisaufenthalt (1978) entschloss sich Argov,
Musiker zu werden.Bald kamen die ersten Kassetten
heraus. Und noch heute erinnert sich Meir Reuveni, einer der Reuveni
Brüder (die damals die einzigen Produzente von Musica mizrahit waren)
daran, wie er Zohar Argovs erstes Demotape hörte und sagte: "Endlich
habe ich den Meister, den ich all diese Jahre gesucht habe, gefunden".
Argovs erstes Album, Elianor, war ein sofortiger Erfolg, und verkaufte
sich schneller als es geliefert wurde. Es musste daher am Eingang des
Ladens verkauft werden.
Dies war der Beginn eines neuen Genres,
musica hakassetot (Kassettenmusik) – im Gegensatz zum Mainstream, der
auf Schallplatten produziert wurde. Sogar der Leiter des staatlichen
Radios Kol Israel benutzte diesen Ausdruck. Jedoch weigerte er sich
"aufgrund des niedrigen Niveaus der Texte, Musik und Begleitung" diese
Musik zu spielen. Aber selbst er konnte den Erfolg der Musica Mizrahit
nicht aufhalten: Die Clubs, in denen Argov auftrat waren ebenso schnell
ausverkauft wie seine Kassetten. Und aus fast jedem Laden der Tahana
Merkazit [Hauptbusbahnhof] Tel Avivs (im Zentrum armer Arbeiterviertel)
dröhnte die Musik Zohar Argovs. Eine Subkultur war geboren.
Dann, im Jahr 1982, kam das Festival der Musica Mizrahit: Zohar Argov
sang – und gewann den Wettbewerb mit- sein wohl bekanntes Lied, Ha-Perah
BeGani ("Die Blume in meinem Garten"). Das Lied hatte alle Elemente
Musica Mizrahit (siehe oben),insbesonders muwal. Es war bahnbrechend,
sowohl für israelische Musik im allgemeinen als auch für Musica Mizrahit
im Besonderen: Das Lied wurde so beliebt, dass das israelische
Musikestablishment dieses Genre nicht länger ignorieren konnte: Die
staatliche Radiostation spielte von nun an Ha-Perah BeGani, und bald
darauf konnte man überall Musica Mizrahit hören. Asher Reuveni (der
andere Reuvenibruder) teilt den Status der Musica Mizrahit in "vor
Ha-Perah BeGani” und "nach Ha-Perah BeGani". Und Argov, der vorher von
den israelischen Medien ignoriert worden war, konnte sich vor
Interviewanfragen nicht mehr retten. Er produzierte 10 Platten in 5
Jahren, die allesamt Erfolge waren. Mit seinem Erfolg öffnete er den Weg
für andere Mizrahi Sänger. Man nannte ihn Hamelekh (der "King").
Leider endete sein Weg so wie der seines Spitznamensvetter (Elvis
Presley): Drogen, Reha und Gefängniszellen. In einer derselbigen nahm er
sich am 6. November 1987 das Leben.
Heute: Zwischen Kommerz und Korruption
Und heute? Heute spielt jede Mainstream- Radiostation Zohar Argovs
Musik und niemand denkt daran Musica Mizrahit zu boykottieren, und sei
es nur der Einschaltquoten wegen. Auch waren fast alle Gewinner der
Talentshow kohav nolad (israelische Version von "Deutschland sucht den
Superstar") Mizrahim (eine von ihnen gewann den Wettbewerb mit einer
Coverversion eines Zohar Argov- Liedes, yam shel dm'aot). Auch öffnete
Argov die Tür für andere ethnische Minderheiten: So kann Idan Reichel,
der mit äthiopischen Musikern arbeitet, als Beispiel genannt werden. Und
die Tatsache, dass israelische Musik eine Bandbreite an Identitäten und
Stimmen vertritt –von russischem Rock bis arabischen Rap- hat viel mit
einem Sänger zu tun, der das muwal seiner jemenitischen Eltern nicht
aufgeben wollte.
Hier Zohar Argovs grösster Hit:
Ha-Perech be-Gani
Mehr Lieder und Videos von Zohar Argov gibt es auf unserer Facebook-Seite
Bild: Public Domain
Text: Rosebud