Montag, 17. Juni 2024

Tmol Schilschom wird 30! Geschichte eines Jerusalemer Kult-Cafes

 









Tmol Schilschom - ein Literaturcafé in Jerusalem 

Der Schriftsteller Meir Schalew sel. And. meinte einmal, dass es in Jerusalem früher einen Verrückten pro Wohngegend gab – heute wird man Schwierigkeiten haben, einen nicht-Verrückten pro Jerusalemer Wohngegend zu finden. 

Und doch gibt es eine Oase der Normalität in Jerusalem: Das Tmol Schilschom. Und das feiert sein 30. Jubiläum.

Das Cafe ist sehr versteckt: Man muss durch ein Tor in der Nachlat-Schiwa-Gegend in einen Hinterhof gehen, und dort zwei Stockwerke hinaufgehen, um durch eine kleine Holztür zum Café zu gelangen.  

Dort kommt einem der Geruch heißen Tees mit marokkanischen Kräutern entgegen, vermischt mit der kühlen Brise Jerusalems, und den Worten der besten Poeten und Musikern des Landes entgegen. Die auf den Mosaik des Jerusalemer Steines stehenden Regale waren mit Weinen und Bücher gefüllt, die man auch kaufen konnte.

Es heißt Tmol Schilschom, wortwörtlich “gestern-vorgestern”. Gemeint sind vergangene Tage, eine Erinnerung aus einer Zeit, die lange vorbei ist. Und so kommen mir die Tage vor Corona, vor den Massenunruhen der "Rechtsreform", und vor dem derzeitigen Krieg vor: Man saß im Tmol Schilschom, und diskutierte bei einer Tasse Kaffee oder Tee über Gtt und die Welt . Es scheint, als ob beide (Gtt und die Welt) schon damals anderes für uns vorhatten…

Bild: Public Domain
Text: Rosebud

Mittwoch, 5. Juni 2024

Shavuot - Fest der Erstlingsfrüchte

 


Ab Dienstag Abend und bis Mittwoch wird in Israel Shavuot, das jüdische Wochenfest, gefeiert.

So wie die meisten Feiertage hier hat das Fest eine spirituelle wie eine landwirtschaftliche Bedeutung. Spirituell wird sich an die Offenbarung am Berg Sinai und die Zehn Gebote erinnert. Landwirtschaftlich ist dies das Fest der Erstlingsfrüchte.

In der hebräischen Bibel hat Shavuot mehrere Namen, zum einen  Wochenfest (Shavuot), Fest der Ernte und Tag der Erstfrüchte.  Die vielen Namen spiegeln die verschiedenen Bedeutungen, die das Fest hat, wider. So wird an den Empfang der zweiten Zehn Gebote (Gesetzestafeln) am Berg Sinai erinnert. Die ersten zehn Gebote hat Mose, zerschmettert, weil das Jüdische Volk das Goldene Kalb anbetete. Darauf ging Moses wieder auf die Spitze des Berg Sinais, um die neuen zehn Gebote zu erbitten. Dieses Mal mussten die Juden sich die zehn Gebote verdienen, indem sie die 50 Tage vom Pessachfest bis Schawuot beteten. Beim ersten Mal wurden ihnen die zehn Gebote geschenkt.

Die Zehn Gebote stehen im Mittelpunkt der Toralesung. Sie werden unter Begleitung einer besonderen Melodie vorgelesen, und während sie vorgelesen werden, steht die ganze Gemeinde.

Schawuot ist außerdem ein Erntedankfest, da zu dieser Zeit in Israel Weizen geerntet wird.

Das Wochenfest bildet den Abschluss der Frühlingsfeste, zu denen Pessach auch gehört. Lesungen des Buches Ruth, das die Geschichte der Konvertierung von Ruth, der Urgroßmutter König Davids, erzählt  und die Zehn Gebote stehen im Mittelpunkt. Die Synagoge wird geschmückt. Traditionell wird Milch getrunken, milchige Speisen (Eierkuchen mit Quark, Käsekuchen usw.) und Honig gegessen, da die Tora mit Milch verglichen wird, die das Volk Israel wie ein unschuldiges Kind begierig trinkt. Auch geht es ja um "das Land, wo Milch und Honig fließt."
                                          Orangen: Auch sie Erstlingsfrüchte

Insbesonders in den landwirtschaftlichen Siedlungen, den Kibbutzim und Moshawot, wird Shavuot mit großen Festlichkeiten gefeiert. Die Erstlingsfrüchte werden in Traktoren der Öffentlichkeit feierlich, mit Musik und Parade präsentiert.

Hier ein paar Fotos der Festlichkeiten:



In den letzten paar Jahren wurde eine neue Tradition hinzugefügt: Die Neugeborenen des Jahres werden feierlich präsentiert: Auch sie sind "Erstlingsfrüchte"
                                                     Erstlingsfrucht der anderen Art

Zum Schluß werden die Kinder mit dem Traktor durch das Kibbutz oder Moshav gefahren.

Und dann gibt es natürlich noch eine festliche Mahlzeit:

Fröhliches Shavuot!

Text und Bilder: Rosebud

Sonntag, 2. Juni 2024

Kulinarisches aus Israel: heute - Itzik und Ruti (Tel Aviv)

  

                                                   Vorher...


                                                        ...heute


Das Wort "legendär" wird zu oft benutzt, aber auf "Izik und Ruti" trifft es auf jeden Fall zu.

Als die Nacht zum Tag wurde

Alles fing 1957, als das verheiratete Ehepaar Izik und Ruti Fleischer auf der (damals noch nicht legendären) Sheinkin-Strasse einen kleinen Sandwich-Laden aufmachten, und dort alles - vom Brot bis zu den Zutaten in einer winzigen Küche per Hand, und mit viel Liebe zubereiteten...

Als Getränk gab es eine Auswahl von verschiedenen Frucht-Schorles, in Israel als "Gazoz" bekannt.
 
                                                                   Sandwich und Gazoz

Ihr Sohn David, der den Nachnamen zu Shachaf hebräisierte half in der Küche mit später sollte er selbst den Laden führe, zusammen mit seiner Frau Schuli.

                                                          David und Schuli

Aber wir greifen vor.

Die ungewöhnlichen Öffnungszeiten (3 Uhr Nachts bis 12 Uhr mittags) haben Izik und Ruti einem Zufall zu verdanken:

Als David bei seinen Eltern aushalf, arbeitete er nebenan bei der Zeitung "Dawar". Und dort wurde oft die Nacht zum Tag, denn die Deadline, bevor die Zeitung in den Druck geht, ist oft in der Mitte der Nacht.

Als Davids Kollegen hörten, dass er in einem Sandwich-Laden aushilft, baten sie ihm, frische Sandwiches mitzubringen.

Und so kam es, dass "Izik und Ruti" den Journalisten um 3 Uhr nachts frische Sandwiche machte, und den Laden zumachten, als ihnen das Brot/ die Zutaten/ die Schorle ausging - meistens 12 Uhr mittags am drauffolgenden Tag.

Legende - bis zum (vorläufigen) Ende

Bald sprach sich das Wort herum, und vor allem Partygänger kamen zwischen 3 und 6 Uhr früh zur "After-Party" in die Sheinkin.
 
Aber auch Marathonläufer, die nicht in die Hitzewelle hineinrennen wollten, kamen in den frühen Morgenstunden zu Izik und Ruti angelaufen, um sich Kohlenhydrate und Proteine für den Sport zu holen.

In den Morgenstunden waren es meist Leute auf dem Weg zur Arbeit sowie junge Eltern, die in dem winzigen Laden auf Sheinkin 57 sich hineindrückten, und in einer langen Schlange auf ihre Sandwiche warteten.

Und für jeden war etwas dabei!

                                               So ein Sandwich gab es nur bei Izik und Ruti

63 Jahre lief das so, und für jeden war klar: ein Besuch in Tel Aviv ist kaum etwas wert, wenn man nicht die Sheinkin Strasse besucht, und ein Besuch auf der Sheinkin ist nicht das Wahre - ohne einen Abstecher bei Izik und Ruti!

Und dann kam Corona. Zuerst Lockdown, und dann Social Distance. David und Shuli, die schon nicht mehr die Jüngsten waren, mussten ihren Sandwich-Laden mehr schliessen als offen halten. Nachfolger hatten sie keinen (ihre Kinder leben in Amerika, und auch wenn nicht, waren sie nicht an einer Karriere in einem Sandwichladen, für den man sich noch dazu die Nacht um die Ohren schlagen muss, interessiert.)

Sie machten zu.

Das Comeback

Aber erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Oder "Totgesagte leben länger".
3 Jahre nach der Schliessung (also 2023) fragte ein junger Unternehmer, der in einer anderen Location - auf Frishman - einen Sandwich-Laden im Stil von Izik und Ruti aufmachen wollte, bei David nach, ob er den Namen und die Sandwiches benutzen dürfe.

Eine wahrhafte Chutzpe (Unverschämtheit) - aber zu seiner Überraschung war Davids Antwort: "ja"!

Und so gibt es jetzt wieder "Sandwiches mit Seele" bei Izik und Ruti - neu ist das Koscherzertifikat und auch einige vegane Sandwiche. Die Öffnungszeiten sind zwar nicht so verrückt wie früher, aber die Sandwiches immer noch Weltklasse!

Und manchmal schaut David Shachaf vorbei, und wenn man Glück hat, bereitet er selbst die Sandwiches vor.

Bilder: Public Domain
Text: Rosebud

Mehr zu Itzik und Ruti gibt es auf unserer Facebook-Seite

                                          


                

Sonntag, 26. Mai 2024

Happy Lag BaOmer

 

 

  

                                                     Lagefeuer 

Seit Samstagabend und Sonntag feiert man in Israel Lag BaOmer, was sich als "33. Tag der Omer-Zeit" übersetzen lässt. Die Omer-Zeit sind 7 Wochen Trauerzeit. Am 33. Tag aber, also an Lag BaOmer, wird gefeiert. Warum?

Erst einmal endete die schreckliche Plage der Schüler Rabbi Akiwas genau an diesem Tag. Und so ist es Tradition, diesen Tag als Tag des Wunders zu feiern.

Ein weiteres Wunder war, dass - nachdem 24.000 Schüler starben, einer der verbleibenden 5 (!) Schüler Rabbi Shimon Bar Jochai überlebte , der den "Zohar", den Haupttext der Kabbalah, der Jüdischen Mystik schrieb. Er soll an Lag BaOmer gestorben sein, und so wird gefeiert, dass seine Seele mit dem Himmel sich vereinigte. Sein Vermächtnis erleuchtete die Juden, so wie das Lagerfeuer, was man Rabbi Shimon Bar Jochai zu Ehren an Lag BaOmer macht - es erleuchtet die dunkle Nacht. 


Lag BaOmer ist aber auch ein Symbol der Kabbalah, der Jüdischen Mystik - nach der Zahlenmythologie ist es eines der höchsten physischen Sphären, die die Welt erreicht hat, an diesem Tag, am 33. Omer. Da passt es ganz gut, dass der Tag in Verbindung mit dem Zohar steht.

Außer dem Lagerfeuer gibt es zahlreiche Traditionen, wie fröhliche Veranstaltungen (Hochzeiten etc.), den ersten Haarschnitt von Dreijährigen, Bogenschießen, Singen, Tanzen - kurzum: alles, was Freude macht!  

Mehr dazu gibt es auf unserer Facebook-Seite

Viel Spass!

Bild: Public Domain
Text: Rosebud

Sonntag, 19. Mai 2024

Wer ist Abu Table ("Vater Trommel")?

  

                                                Abu Table - nicht der, für den man ihm hält


"Hier (in der Westbank) gibt es viele, die Märtyrer werden wollen. Und bei Euch (in Israel) gibt es Ben-Gvir und andere, der Todesstrafe für Terroristen einführen will. Warum kann man kein Treffen zwischen den beiden Gruppen organisieren? Die einen führen die Todesstrafe aus, die anderen werden Märtyrer, und alle sind glücklich! Walla, was für eine Idee! Euer Abu Tabla"

Wer ist Abu Table?

Seit ca. 3 Jahren (also ab Anfang der Corona-Epidemie) kursierten die Videos von Abu Table - ein palästinensischer Tagesarbeiter, der mit Baseball-Käppie und schwarzer Plastiktüte (Mittagessen) meistens in einem Checkpoint steht, oft ist ein Esel im Bild, und der in perfekten Arabisch mit Nablus-Akzent, oder in gebrochenen Hebräisch die verrückte Realität des Nahen Osten mit viel Humor kommentiert.

Aber er macht auch Musik:



Mehr als 21 Millionen Mal wurden Abu Tables Videos gesehen - und sind bei Juden und Arabern gleich beliebt.

Aber wer ist Abu Table?

Wer ist Joni?

Abu Table, der auch begnadeter Musiker ist, wurde kürzlich von Ohad Hemo, einen promintenten Palästinenser-Korrespondent des israelischen Fernsehen besucht. (Wer Hebräisch versteht, siehe hier und hier)

Im Bericht ist Hemo mehr als beeindruckt von Abu Tables Arabisch, von den Nuancen des lokalen Stadt-Akzents und vom Verständnis des Diskurses.

Und dann zieht Abu Table seinen Hut herunter, setzt eine Kippa auf - und geht in ein Haus in Kfar Eldad (einer Siedlung in der Westbank) - wo seine sechs Kinder auf ihn warten.

Es handelt sich nämlich um einen jüdischen Israeli namens Joni Sharon:

                                                Yoni Sharon


Joni "Abu Table" ("Table"= Trommel, sein Instrument) ist wie gesagt, ein begnadeter Musik, der mit seiner Band, die arabische Instrumentalmusik spielen, sogar Beduinen beeindruckt.

Während Corona nutzte er die Lockdowns und Ungewissheit aus, um witzige Videos als Abu Table zu machen - die Sprache lernte er von seinen palästinensischen Nachbarn, und das so gut, dass viele ihn für einen Palästinenser hielten - so gut konnte er selbst die kleinsten Nuancen herüberbringen. Aber auch interne israelische Politik kannte er so gut wie kaum jemand.

Inzwischen ist er ein Internet-Phänomen, ein Youtube-Superstar, und tourt bereits als Standup-Comedian durch die Länder. So wie es sich für einen Abu Table gehört: mit Baseball-Käppie, schwarzer Plastiktüte in der Hand, und Esel im Hintergrund.

Bilder: Public Domain
Text: Rosebud

Mehr zu Abu Table gibt es auf unserer Facebook-Seite

Sonntag, 12. Mai 2024

Happy Birthday Israel!

 

 Von Montagabend bis Dienstagabend feiert Israel den 76. Unabhängigkeitstag. Er wird anhand der Unabhängigkeitserklärung gefeiert, die am 14.Mai 1948 (nach Hebräischem Datum 5. Iyar, also heute) gelesen wurde.


Wegen der Lage fällt vieles aus, u.a. das Feuwerk und die Flugzeug-Formation. Aber am Montagabend gibt es eine grosse Zeremonie - das lassen wir uns nicht nehmen! 

Am nächsten Tag schläft man sich in Israel erst einmal aus. Um 11 Uhr fingt das traditionelle internationale Bibelquiz an, über das Uri Zohar und Arik Einstein einen fantastischen Sketch machten! (Gibt es auf unserer Facebook-Seite)


Und danach gibt es MANGAL (=BBQ). Es wird in allen Parks, in allen Ecken gegrillt, was es hergibt . Soviel wird gegrillt, dass einige den Unabhängigkeitstag "Yom Haatzmaut" in "Yom Haatzamot" (Tag der Knochen, denn das ist das einzige, was am Ende des Tages vom Fleisch noch übriggeblieben ist) unbenannt haben. Metzger und Kohlehändler haben dann Hochkonjunktur! Aber auch Vegetarier müssen an dem Tag nicht auswandern: Inzwischen gibt es auch vegetarische, und sogar vegane Mangal.
 
                                         
                                              die vegetarische Variante

Danach gibt es erst einmal eine Siesta - oder alternativ, türkischen Kaffee mit Kardamon und dazu Waffeln.

Am Abend dann wird der Israel-Preis verliehen und es laufen Klassiker israelischer Filme im Fernsehen.

Dazu hat sich in letzter Zeit die Satiresendung "Erez Nehederet" gesellt, deren Slogan auch diesen Unabhängigkeitstag gilt: Yesh lanu Erez Nehederet - Wir haben ein wundervolles Land!

Happy Birthday, Israel!

Bilder und Text: Rosebud
Mehr Bilder vom Unabhängigkeitstag und Videos - gibt es auf unserer Facebook-Seite

Sonntag, 5. Mai 2024

Nachlat Benjamin: Der älteste und größte Künstlermarkt in Israel

 

 

Jeden Dienstag und Freitag gibt es auf der "Nachlat Benjamin", einer Fußgängerzone in Tel-Aviv, einen Markt für Künstler: Von selbstgemachten Schmuckstücken über Aquarelle und Holzfiguren bis zu
                                           selbstgemachten Blumenvasen und Blumen

ist da alles dabei, was Herz und Auge begehrt - und auch zu einem erschwinglichen Preis. Wenn nicht, kann immer gefeilscht werden. Das sieht dann ungefähr so aus.

Nachlat Benjamin (manchmal auch Nachlat Binyamin geschrieben) ist der älteste und größte Künstlermarkt in Israel. Er wurde 1988 gegründet, und existierte durchgehend, bis heute. Die Künstler haben sogar eine Gewerkschaft gegründet. Alles, was hier angeboten wird, wird von Hand gefertigt.

Der Markt selbst befindet sich nicht weit vom Gemüsemarkt (Shuk ha-Carmel) entfernt, und hat eine ganze Reihe von sehr netten Cafés und Restaurant, wo man nach dem Bummeln sich einen Eiskaffee gönnen kann, und sich gemütlich hinsetzen kann. In Geh-Nähe befindet sich übrigens das Zentrum der deutschsprachigen Einwanderer nach Israel.

Hier noch ein paar Eindrücke:

















Kurzum: Es ist immer einen Besuch wert!

Bilder und Text: Rosebud